Offener Brief an Sigmar Gabriel

Lieber Genosse Sigmar Gabriel,

mit Aufatmen haben viele Sozialdemokraten Dein Aufstoßen der Türen und Fenster des alt-ehrwürdigen SPD-Hauses aufgenommen. Nur – was passiert denn nun, wenn den SPD-Bewohnern in den verschiedenen Etagen und Zimmern der Wind ins Gesicht bläst, Durchzug entsteht, vielleicht einiges Verstaubte dabei aufgewirbelt wird? Werden die Türen und Fenster schnell geschlossen aus Furcht vor Unordnung? Oder fürchten einige Bewohner, sie könnten sich erkälten? Oder wagen doch einige den Blick nach draußen,<!–more–> gucken was sich in der Gesellschaft verändert, öffnen die Haustür und laden Skeptische, aber auch Neugierige ausdrücklich ein, organisieren vielleicht sogar lockere Kennenlernrunden oder verabreden mit interessierten Außenstehenden Aktionen und Projekte?

Merken vielleicht dabei, dass das Haus umgebaut werden sollte: größere Fenster, ein Wintergarten, alles energieeffektiv natürlich, große einladende Außenanlagen, besonders auch für Kinder interessant, ein Fetenraum für Jugendliche, mehrere Werkstätten zur Vorbereitung und Durchführung von Aktionen und Events – natürlich mit den nötigen  Werkzeugen und Medien. Und damit alle auch an anderen Orten an diesen bunten Aktivitäten teilnehmen können, werden Internet-Blogs mit Leben gefüllt.

Klar – das altehrwürdige Haus erinnert daran – es würden viele neue Ideen entstehen, wie die sozialdemokratischen Grundwerte angesichts gravierender aktueller Probleme und grundlegender Fragen zu konkreten politischen Reformvorstellungen werden, wie diese Ideen verbreitet werden können und immer mehr Anhänger finden.

Genug der Fantasie!

Wir müssen an der Basis mit konkreten Veränderungen beginnen. Auch wenn ältere Genossinnen und Genossen aus alter Gewohnheit die Versammlung wollen, in der einer spricht und andere zuhören, muss es in jedem Ortsverein daneben auch andere Veranstaltungsformen geben. Auch wenn die Fraktionen in den Kommunalparlamenten als Ausgleich für die Mühe und den Zeiteinsatz Gefolgschaft und Ruhe in der Partei wünschen, muss endlich erkannt werden, dass viele Ideen und die Erfahrungen vieler – auch von Nicht-Parteimitgliedern – neue Chancen bieten und zu einer ungeahnten Stärke werden können. Gegen verkrustete Strukturen und gegen die zunehmende resignierende Negativmeinung über die Politiker und die Politik helfen nur neue Formen der Bürgerbeteiligung.

Aber, lieber Genosse Gabriel, das erzähl mal einem Ortsvereinsvorstand! „So wie jetzt haben wir es doch immer gemacht, keine Zeit, das bringt doch nichts, manches kann man nur in kleinem Kreis regeln, es darf doch nicht alles an die Öffentlichkeit, nach außen hin müssen wir eine Linie vertreten“, usw. usw. Diese Litanei ließe sich noch fortsetzen. „Wir haben im geschäftsführenden Vorstand beschlossen, das Tempo der Veränderung wollen wir nicht mitgehen“, lautet ein besonders fein formulierter Abblockungsversuch zur Verhinderung einer Diskussion über die Neuorientierung eines Ortsvereins und eines Stadtverbands.

Der Übergang zu „Mehr Demokratie wagen“ nach innen und nach außen muss den Entscheidungsträgern und aktiven Parteimitgliedern erleichtert werden. Es müsste ein Unterstützungssystem aufgebaut werden. Jedem Ortsvereinsvorstand könnte ein Fragebogen zur Analyse der Arbeit an die Hand gegeben werden, der Stärken und Schwächen der Arbeit aufzeigt. Zur Unterstützung der veränderbaren Bereiche müsste ein dafür ausgebildeter Moderator oder Coach angefordert werden können. Ortsvereine mit ähnlichen Problemlagen sollten internetgestützt Erfahrungen austauschen können. Der Veränderungsprozess sollte dokumentiert werden und durch die parteiöffentliche Herausstellung der Bemühungen Anerkennung finden. Dieser Prozess weitgehender Freiwilligkeit sollte belohnt werden, besonders natürlich auch durch die Parteispitze.

Damit all das in Gang kommt, müssten als erstes „Unterstützer- und Prozessbegleiter“ gesucht und ausgebildet werden. Na gut, aber all das könnten ja fachkundige SPD-Mitarbeiter dann im Einzelnen überlegen.

Aber, lieber Genosse Gabriel, Ihr habt vielleicht noch bessere Ideen. Lasst es uns wissen.

Engagierte Grüße aus Lemgo

Rolf Eickmeier

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