Interview zum Film “Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte”

“Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte” ist ein Dokumentarfilm des US-amerikanischen Regisseurs Michael Moore. Der Film behandelt die Finanzkrise ab 2007, die U.S.-Ökonomie im Wandel zwischen der endenden Amtszeit von George W. Bush und der beginnenden Amtszeit von Barack Obama und dem US-Konjunkturprogramm 2009. Der Film hatte am 6. September 2009 bei den 66. Filmfestspielen von Venedig Premiere. Jörg Reimers hat den Film in Bielefeld gesehen. Wir befragten ihn  zu seinen Eindrücken. <!–more–>

Kann der Film auch uns in der Bundesrepublik Erklärungen zur Finanzkrise geben?

Jörg: Ja! Obwohl der Film hauptsächlich für ein amerikanisches Publikum die Ursachen und Wirkungen der Finanzkrise in den USA beschreibt, wurde mir durch viele im Film gemachten Vergleiche zwischen den USA, Deutschland sowie Japan deutlich, dass auch bei uns in den letzten 25 Jahren von vielen Politikern auf Druck der Wirtschaft dieselben Fehler wie in den USA gemacht wurden. Da wären z.B. Deregulierung der Finanzmärkte, Schwächung der Gewerkschaften, Einschränkung von Arbeitnehmerrechten und Mitbestimmung, Kürzungen im Bildungs- und Sozialsystem.

Welche Ereignisse und Situationen werden im Film näher dargestellt?

Jörg:„Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“ kann als der bisher persönlichste Film von Michael Moore gesehen werden.

Er veröffentlichte vor 20 Jahren seinen ersten Film „Roger and Me“. In diesem Film versuchte er den damaligen Vorstand von General Motors Roger Smith wegen der Schließung von Werken in seiner Heimatstadt Flint zur Rede zu stellen. Diese Werksschließungen haben damals seine Heimatstadt und ihre Bewohner ruiniert.

Die letzten 20 Jahre hat er sich mit den Auswirkungen eines unbegrenzten Kapitalismus beschäftigt und nun stellt sich heraus, dass sich die Katastrophe von damals überall in den USA ereignet und auch auf die übrige Welt auswirkt.

Dementsprechend spannt der Film einen Bogen von der Weltwirtschaftskrise 1929 bis heute.

Der Film beginnt wie sein bekanntester Film „Bowling for Columbine“ mit einem Hinweis. Diesmal ist es allerdings ein Warnhinweis an Zuschauer mit schwachen Nerven.

Danach vergleicht er das Selbstbild der USA als Imperium mit dem Römischen Reich.
Dazu verwendet er einen alten britischen Schulfilm über das Römische Reich und fügt an den Stellen, die sich kritisch mit den wirtschaftlichen und sozialen Zuständen im alten Rom beschäftigen Bilder aus dem (Arbeits-)Leben in den heutigen USA ein.

Sodann stellt er uns einige Jugendliche vor, die ihre erste Lektion im freien Kapitalismus gelernt haben. Sie begingen nach Ansicht korrupter Jugendrichter Straftaten – nach unserem Verständnis  handelt es sich um Aufsässigkeit – und wurden Opfer eines  privatisierten, profitorientierten Jugendstrafsystems, das sie erst entließ, nachdem das Unternehmen genügend Profit aus Ihnen herausgeholt hatte.

Einer der Jugendlichen will nun Pilot bei einer Fluglinie werden. Am Beispiel einiger Piloten erklärt uns Michael Moore sodann die zweite Lektion im freien Kapitalismus. Diese Piloten haben Anfang der 80iger Jahre, nachdem Ronald Reagan Präsident wurde, ihre Gewerkschaft verloren. Heute benötigen diese hochqualifizierten Arbeitnehmer Nebenjobs und sind trotzdem auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen., um über die Runden zu kommen.

Weiter geht es mit Bildern von Hausräumungen. U.a. ist eine Familie gezwungen Ihren Hausrat eigenhändig auf einen Scheiterhaufen zu werfen. Als Gipfel der Demütigung  erhält diese zum Dank dafür, dass die Bank für diese Arbeit keine Arbeiter schicken muss, noch 1.000,00 US $.

Im Anschluss daran wendet sich der Filmemacher der Wahl des US Präsidenten Ronald Reagan zu.

Für ihn ist dies der Beginn des unbegrenzten Kapitalismus. Er schildert, wie es Unternehmen, Banken und Versicherungen gelang, mehr und mehr Einfluss auf die Gesetzgebung zu erhalten und wie dies zu einem immer radikaleren Marktdenken geführt hat.

Er befragt Börsenexperten. Diese sind nicht in der Lage, ihm die komplexen Finanzanlagen, die zu dem Desaster Ende 2008 führten, zu erklären.
Außerdem schildert er, welche Auswirkungen der extreme Marktradikalismus auch auf das Bildungssystem und den Forschungsbereich in den USA hatte.

Heutige Politiker werden zu den Ereignissen befragt und ihre Ahnungslosigkeit sowie Hilflosigkeit läßt die Zuschauer ungläubig erstaunen.

Michael Moore rechnet mit dem Kapitalismus ab? Wird eine Alternative sichtbar?

Jörg: Zur ersten Frage lautet die Antwort: Ja und Nein.

Michael Moore rechnet mit dem Kapitalismus nur insofern ab, als er den Glauben seiner Mitbürger an diesen als allein selig machenden Weg kritisiert.

Seine Alternative besteht aus einer Stärkung der Demokratie und einer Hinwendung zu mehr Sozialstaatlichkeit.

Dazu bezieht er sich u.a. auf seine, durch eine katholische Erziehung geprägte, Vorstellung der christlichen Werte.

In einer Szene bezieht er sich auf die Wohltätigkeit von Jesus und vergleicht diese mit den verqueren religiösen Rechtfertigungen, die teilweise von konservativen Kräften benutzt werden, um die derzeitige Wirtschaftspolitik zu rechtfertigen.
Es handelt sich um eine Szene aus einem alten Bibelfilm, in der Jesus im Original Wunder an Armen und Kranken tut und dies aber nun mit dem Hinweis auf Vertragslücken, Eigenverantwortung, vorbestehenden Krankheiten etc. ablehnt.

Anhand eines Betriebes für Maschinenbau zeigt er, dass Demokratie auch in Unternehmen funktioniert.
Diese Form der Mitbestimmung sorgt auch dafür, dass Unternehmen in Bezug auf die Auswirkungen ihres Handelns für die Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen.

In einem weiteren Unternehmen, das geschlossen werden soll, solidarisieren sich die Arbeitnehmer und erreichen durch eine Besetzung des Unternehmens zumindest noch eine Auszahlung ihrer Löhne und eine Abfindung.

Dies nutzt Michael Moore, um einen Rückblick auf die Weltwirtschaftkrise der 30iger Jahre zu machen.

Am Beispiel des Sitzstreiks von 1936 bei General Motors vergleicht er die Reaktion des damaligen US Präsidenten Franklin D. Roosevelt  (Stichwort: New Deal) mit der hilflosen Reaktion heutiger Politiker.

Natürlich startet Michael Moore auch seine unterhaltsamen Aktionen. So versucht er u.a. den Vorstand einer Bank zu verhaften oder errichtet eine Polizeiabsperrung um den Tatort Bankgebäude.

Auch ja: Er präsentiert auch stolz den einzigen sozialdemokratischen Abgeordneten in den USA.

Der Titel des Films klingt so, als ob er auch unterhaltend sei oder ist es die pure Ironie?

Jörg:Vor allem ist der Film ein Aufruf an seine Zuschauer, sich für mehr Demokratie und Sozialstaatlichkeit einzusetzen.

Dazu vergleicht er Entwicklung der USA, Deutschlands und Japans nach dem zweiten Weltkrieg. Dabei nimmt er Bezug auf die Ideen des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt für eine Ergänzung der US Verfassung, die das Ziel hatte, US-Bürgern mehr soziale Rechte zu garantieren.. Er stellt fest, dass viele dieser Ideen nach dem Krieg in Deutschland und Japan umgesetzt wurden und beide Länder einen beispiellosen Aufstieg erlebten.

Aber er weist auch darauf hin, dass beide Länder, seit sie sich dem ab 1980 von den US-Regierungen vorgegebenen Weg angeschlossen haben (es werden an dieser Stelle u.a. Bilder von Helmut Kohl gezeigt) die gleichen Probleme wie die USA haben.

Würdest du den Film unbedingt weiterempfehlen?

Jörg: Ja! Und insbesondere unter Anderem an diejenigen, die immer noch glauben, dass Steuersenkungen für Reiche und Unternehmen, Deregulierungswut sowie Einkommenskürzungen und Kürzungen von Sozialleistungen den Aufschwung bringen werden.

Wie war die Reaktion des Publikums, als du ihn im Bielefelder Kino gesehen hast?

Jörg: Während des Films konnte ich einige Äußerungen des Erstaunens und der Zustimmung unter den Zuschauern feststellen.
Nach dem Film habe ich mich noch mit zwei weiteren Besuchern unterhalten. Diese waren ebenfalls ganz angetan und besonders von den Vergleichen zwischen den USA, Deutschland und Japan. Damit hatten Sie und ich nicht gerechnet.

Einig waren wir uns auch darin, dass dieser Film mehr Aufmerksamkeit  von den großen Kinos verdient hätte.
Leider lief der Film in unserer Region nur im Programmkino.

Gerne erinnere ich mich daran, dass  2004 der Film „Fahrenheit 9/11“ im Cinemax den größten Saal gefüllt hat. Dieser Film hätte auch ein solcher Publikumserfolg werden können, wenn er offensiver vermarktet worden wäre.

Vielleicht ist es uns ja möglich, diesen exzellenten Film z. B. einmal im Hansa Kino Lemgo zu zeigen.

Er wird Anfang des Jahres auch im Hansa-Kino gezeigt.

Danke für das Gespräch.

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