Die Renten-Ängste

Professor Butterwege hat in einem TAGESSCHAU-Interview deutlich gemacht, dass sinkende Renten keine Naturgesetzlichkeit sind, sondern ein Verteilungsproblem und eine Frage der Gerechtigkeit. Sinkende Renten sind politisch gewollt worden. Mit staatlichen Riester-Prämien wird die Versicherungswirtschaft gepäppelt. Je größer die berechtigten Ängste vor Altersarmut, desto besser für’s Geschäft.

Wenn die Wirtschaft wächst bei weniger Menschen, dann kann der größer werdende erwirtschaftet Kuchen unter weniger Menschen aufgeteilt werden. Für die Rente der Älteren steht deshalb nicht weniger als vorher zur Verfügung. Aber wie groß die herausgeschnittenen Kuchenstücke sind und wer die größten kriegt, ist die entscheidende Frage.

Bundesarbeitsministerin Ursula v.d. Leyen hat immerhin dafür gesorgt, dass das Problem der zunehmenden Altersarmut stärker diskutiert wird. Die Grundrechenarten reichen ja aus, um bei Niedriglöhnen, Leiharbeit, Phasen von Arbeitslosigkeit und jahrelangen Praktikantentätigkeiten begrenzte Rentenansprüche auszurechnen. Wenn dann die Politik die gesetzlichen Rentensätze auf 43 Prozent kürzt und die Rente mit 67 (natürlich eine verkappte Kürzung) einführt, dann sollen viele Menschen von ihrer gesetzlichen Rente nicht mehr leben können.

Toll für die Versicherungswirtschaft, denn alle sollen Altersvorsorgeverträge abschließen. Die Riester-Verträge werden vom Staat bezuschusst. Das Geld soll sich auf den Kapitalmärkten vermehren. Eine höchst unsichere Angelegenheit, wie man jeden Tag neu erfährt. Sicher verdient hat allein die Versicherungswirtschaft.

Die gesamten Renten-Zusammenhänge und politischen Maßnahmen klärt Wolfgang Lieb.

Advertisements

„Rente mit 67“ – ein Umverteilungstrick

“Rente mit 67” wird als SPD-Idee wohl immer mit Franz Müntefering in Verbindung gebracht werden. Da aber die Wenigsten dieses Arbeitsalter erreichen, ist die Heraufsetzung des Renteneinstiegsalters eine verkappte Rentenkürzung. Kombiniert mit der Privatvorsorge, der Riester-Rente, wurde daraus dann noch ein Riesengeschäft für die Versicherungsindustrie. Begründet wurde alles mit der Milchmädchenrechnung, dass die Menschen immer älter werden und die jüngeren weniger, so dass sie die wachsenden Renten nicht mehr zahlen könnten.

Wieviel Verdummung und Ideologie hinter dieser Argumentation stecken, hat der Statistiker und Wirtschaftsforscher Prof. Bosbach am 02.01.2012 in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG deutlich gemacht. Zunächst einmal erinnert er daran, dass schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts bei zunehmendem Altersdurchschnitt staatliche Rentensysteme infrage gestellt wurden.

Er weist – statistisch untermauert – darauf hin, dass die enorme Abnahme jüngerer Arbeitnehmer/Innen in früherer Zeit mehr als ausgeglichen wurde durch den starken Produktivitätszuwachs. Sogar sinkende Arbeitszeiten waren bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitnehmereinkommen möglich.

Bosbach rechnet vor: Selbst wenn die Produktivitätssteigerung je Arbeitnehmer jährlich nur ein Prozent beträgt, könnte jeder Beschäftigte im Jahre 2060 30 Prozent Rentenbeitrag zahlen und gleichzeitig noch sein verbleibendes Einkommen nach Abzug der Preissteigerungen um 40 Prozent steigern. Klingt unglaublich. Ist es auch. Denn Bosbach macht eine Voraussetzung: Die Erhöhung der Produktivität müsste allein den Arbeitnehmern zugute kommen.

Im Umkehrschluss findet sich auch die Erklärung für die “Rente mit 67”. Die Produktivitätszuwächse sind in den vergangenen Jahren vor allem den Unternehmen und der Finanzindustrie zugute gekommen und das soll wahrscheinlich so bleiben. Beweise sind die sinkenden Realeinkommen in den letzten Jahren und die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich.

Also steigendes Renteneintrittsalter hat nichts mit Demographie zu tun, wie alle Politiker behaupten, sondern mit einer weiteren Methode, die Mehrzahl der Menschen nicht am Wachstum zu beteiligen. Na klar, je mehr Niedriglöhner und Teilzeitbeschäftigte oder auch Arbeitslose es gibt, desto niedriger die Beiträge in den Sozialkassen. Zu allem Überfluss redet man den Arbeitnehmer/-innen dann noch ein, sie müssten sich durch “Privatvorsorge” (Riester-Rente) an der Zusatzfinanzierung ihres Alterseinkommens beteiligen. Ein wunderbares Geschäft für die Versicherungsbranche mit verschwindend kleiner und zunehmend unsicherer Rendite für die große Zahl der kleinen Sparer.

Zum Schluss noch einmal die klare Logik Prof Bosbachs: “Wenn unsere Wirtschaft auch nur schwach weiter wächst, wenn gleichzeitig die Menschen in Deutschland weniger werden, was bleibt dann für jeden Einzelnen übrig? Ein größeres Stück Kuchen. Wenn nicht jemand vorher ein Stück vom Kuchen klaut.”

Hier der gesamte Artikel.