Solidarität mit türkischer Demokratiebewegung

Ute Kozcy (Bundestagsabgeordnete GRÜNE) und Hamza Turan hatten zu dieser Veranstaltung aufgerufen, verschiedene Organisationen hatten sich angeschlossen. So waren Mitglieder der GRÜNEN, der SPD, der PIRATEN, der AWO, der AG “Zukunft für Lemgo” und andere Sympathisanten anwesend – vor allem auch türkischstämmige Mitbürgerinnen und Mitbürger. Auf Plakaten stand “Haltet durch, Türkei” und “Taksim ist überall”.

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Einstehen für die Türkei – auch in Lemgo

Aus den Berichten von Beobachtern und Beteiligten an den Massendemonstrationen in Istanbul wissen wir, welch ungeahnte gegenseitige Sympathien und Erlebnisse von Solidarität entstehen können. Es wird auch erlebbar, welche Kraft aus gemeinsamem Handeln entsteht. Diese Erlebnisse wird kein Beteiligter vergessen. Deshalb ist es auch für uns nachvollziehbar, dass sich im Bewusstsein vieler Beteiligter viel neue Kraft entwickelt hat.

Aber wie hat die Gewalt der Polizei gewirkt, die oft ohne Rücksicht auf Verluste mit Tränengas und Knüppeln gegen alle, die ihnen in die Quere kamen, vorgegangen sind? Was hat das bei den vielen Verletzten bewirkt? Angst und Resignation? Empörung und Wut? Auch Ideen für neue Wege der Verweigerung und Demonstration. Zum Beispiel der regungslose und stumme Protest auf öffentlichen Plätzen – inzwischen vielfach nachgeahmt in aller Welt als Zeichen der Solidarität mit der türkischen Protestbewegung.

Auch in Lemgo treten wir am Mittwoch um 17.00 Uhr mit stummem Protest auf dem Marktplatz für die Bürgerrechte in der Türkei ein – und damit für mehr Demokratie überall.

Unsere bisherigen Berichte:

Die schlimmen Ereignisse in der Türkei nehmen kein Ende.

In den Berichten aus der Türkei heißt es: “Die gestrige “Kampfansage” von Erdogan “diese Unruhen werden in den nächsten 24 Stunden beendet sein”. …
Damitt hat er seine Befehle an die Polizei noch einmal verschärft. Von Frieden ist seinerseits noch immer nicht die Rede.

Nach der schockierenden Nacht in den Dienstag, dachte man, es könnte nicht schlimmer für die friedlichen Demonstranten kommen. Doch Erdogan hat dies geschafft, er hat seine Polizei mit mehr Gewalt auf sein Volk stürmen lassen.
Wasserwerfer, Gasbomben, Schlagstock Angriffe, Festnahmen und andere Arten von Gewalt und Folter wurden ausgeübt.

Damit das ganze besser verheimlicht und gut geredet werden kann, was sein Markenzeichen geworden ist, ließ er während der Angriffe der Polizei in der Hauptstadt Ankara den Strom ausfallen. Somit waren all diese Menschen im Dunkeln, es war eine qualvolle Nacht für alle. Es gab wieder Hunderte Verletzte und man spricht wieder von Toten, deren Anzahl noch unklar ist. …

Trotz der tagelangen Qualen, der Schmerzen, starken Verletzungen, Atemnot die durch all die Gasbomben verursacht wurden, sind die friedlichen Menschen heute Nacht in Istanbul (Taksim) zusammen gekommen und haben mit Klavier und Gesang ihr friedliches Beisammensein und den Zusammenhalt bestätigt.”

Die Aktivisten und Berichterstatter rufen am Ende zur Solidarität auf: “Wir sollten Solidarität mit den Menschen in der Türkei zeigen. Scheut euch nicht, diese Menschen zu unterstützen, scheut euch nicht zu posten und zu teilen. Denn sie brauchen unsere Hilfe, durch das Verbreiten der Nachrichten, Bilder und Videos erreichen wir mehr als wir denken.

Die Wahrheit geht durch die ganze Welt und wir haben alle sehr viel dazu beigetragen.”

Quelle: Facebook: Halte durch, Türkei!

„Halte durch, Türkei“

Im täglichen Leben der Städte ist der europäische Einfluss deutlich erkennbar. Die Türkei ist übrigens auch ökonomisch auf die weltoffen freiheitlichen Menschen angewiesen. Aber nicht erst in diesen Zeiten wird der Gegensatz deutlich zwischen Freiheitsrechten und religiöser Bevormundung, dabei insbesondere auch mit der traditionell krassen Unterdrückung der Frauen.

Es kommt hinzu, dass der Staatsgründer Kemal Atatürk in der Öffentlich wie ein Held “vermarktet” wird. Dabei sind aber seine Ideen und Grundsätze nicht ganz unter den Teppich zu kehren. Die strikte Trennung von Staat und Religion gehört dazu, aber auch die Vorstellung von Gleichberechtigung in der Gesellschaft und Demokratie im Staat. Dieser ideologische Kitt ist in der Vergangenheit immer wieder benötigt worden.

Aber wenn diese Grundsätze an der Wirklichkeit gemessen werden, tauchen bei vielen Menschen Fragen nach ihren eigenen Rechten auf. Türkinnen und Türken, die Kontakte ins Ausland haben, sehen die Widersprüche im eigenen Land besonders deutlich.

Der Versuch, mit islamistischen Begründungen diesen Teil der Gesellschaft zu kontrollieren, kann nicht gelingen. Die Gefahr ist natürlich groß, dass staatliche Kontrolle und Unterdrückung weiter zunehmen und die Türkei zu einem religiösen “Polizeistaat” wird.

Aber wahrscheinlich ist der “Befreiungsprozess” in Teilen der Bevölkerung schon zu weit fortgeschritten, um das durchzusetzen. Für die Demokraten und Bürgerrechtler in der Türkei ist es ungeheuer wichtig, dass sie Beachtung und Unterstützung im Ausland finden. Denn darüber kann auch eine Regierung Erdogan nicht einfach hinwegsehen.

Viele Informationen finden sich in den “Deutsch-türkischen Nachrichten”.

Wichtig auch: “Halte durch, Türkei” auf Facebook.

„Taksim gehört dem Volk“

Taksim halkindir – Taksim gehört dem Volk

Impressionen aus Istanbul

Seit sechs Monaten bin ich als Erasmus-Stundentin in Istanbul. Seit sechs Tagen bin glücklich und ein bisschen stolz darauf, hier zu sein. Seit sechs Tagen bin ich mit dabei in Taksim und besonders im Gezi Park aktiv für Rechte zu kämpfen – friedlich. Obwohl ich auch in Deutschland gerne und oft bei Demonstrationen bin, weil ich finde, dass sie zu einer aktiven Demokratie dazugehören und weil manche politischen Entscheidungen nicht einfach so hingenommen werden können, war mir schnell – bereits am Samstag – bewusst, dass das hier das größte Movement sein wird, bei dem ich je dabei war. Und auf jeden Fall das intensivste. Ich bin keine Journalistin, sondern Aktivistin und Bürgerin, die für Freiheiten und Rechte kämpft, und als diese schreibe ich diesen Text.

Bekanntschaft mit Tränengas

Am Samstagnachmittag (eigentlich hätte zu dem Zeitpunkt und unter normalen Umständen unser Chorkonzert stattfinden sollen) haben wir den Taksim-Platz erobert. Ich bin mit einer Freundin und vielen tausend anderen Menschen von Dolmabahce hoch Richtung Taksim-Platz gegangen. Schon da waren wir alle ausgerüstet mit Masken, Zitronen und Medikamenten gegen das Tränengas. Und mit Pfeifen und Trommeln. Das waren unsere „Waffen“.

Die Bekanntschaft mit Tränengas konnte ich schon am ersten Mai machen. Dort war ich – ebenfalls bei einer friedlichen Demo – so stark betroffen, dass ich kurzzeitig Erstickungsangst hatte und den ganzen Tag danach müde war und
Kopfschmerzen hatte. Mit sehr viel Respekt also vor dieser sehr effektiven Art des Bekämpfens von Protest bin ich mit allen anderen gelaufen.

Als wir fast am Platz angelangt waren, kam auf einmal das Gas. Auch da hatten wir schon die Vermutung, dass es vielleicht von irgendwo herabgeworfen wurde, denn wir konnten in der Nähe keine Polizei sehen. Wir sind geflohen, aber kurz danach wieder losgelaufen.

Bereits da bekamen wir von Freunden die Information, dass sich die Polizei wohl zurückgezogen haben soll. Wir konnten dann tatsächlich einfach auf den Platz und in den Park und sind von da an geblieben!

Gewalt in Besiktas

Die Stimmung war super, aber auch angespannt. Denn wir mussten natürlich immer mit einem Angriff der Polizei rechnen. Irgendwann am späten Abend war klar, dass sich die Ausschreitungen nach Besiktas verlagert hatten. Einem eher linken und sehr aktiven Stadtteil. Von dort bekamen wir Horrormeldungen von der Gewalt und vor allem dem massiven Einsatz von Gas von der Polizei.

Viele strömten nach Besiktas, um dort zu helfen, wir aber blieben in Taksim, denn die Möglichkei bestand, dass es alles Taktik der Polizei war, um später Taksim wieder anzugreifen. In der Nacht passierte aber bei uns nichts mehr und am nächsten Morgen war die Stimmung sehr gut und entspannt.

Klar war aber auch, die Leute hatten sich vorbereitet auf Angriffe der Polizei, denn es wurden auf allen Zufahrtsstraßen Barrikaden gebaut, um sich zu schützen. Klar ist aber auch, im Falle einer Panik wären diese Barrikaden vermutlich tödlich.

Gefühle der Solidarität

Allerdings habe ich, wenn ich auf dem Platz oder im Park bin, nie Angst. Auch nicht vor einer Panik. Die Menschen dort sind alle ruhig, auch wenn Gas kommt und sorgen dafür, dass keine_r zu schnell rennt, sondern geordnet die Ruhe bewahrt wird. Ich bin mir zu jeder Minute dort sicher, dass mir im Falle eines Problems sofort viele Menschen zur Seite stehen und helfen würden. Dieses
unbeschreibliche Gefühl der Solidarität dort ist das stärkste, das ich je erlebt habe und überfordert fast manchmal meine Gefühle.

Alt und jung, Frauen und Männer, Religiöse und Atheisten, Türk_innen und Kurd_innen, Besiktas-, Galatasaray- und Fenerbahce-Fans und natürlich
Internationale sind dort gemeinsam, um für Rechte und gegen Repressionen zu kämpfen. Alles ist selbst organisiert und nichts wird hierarchisch bestimmt.

So entstehen die tollsten Dinge. Menschen haben aus Steinen eine Art Bücherregal gebaut, wo jetzt eine kleine Bücherei ist, es gibt Musiker_innen, die Musik machen, sogar ein großes Orchester, Bäume werden gepflanzt, Essen und Trinken wird natürlich sowieso geteilt und Küchen organisiert, mobile Apotheken und Krankenstationen mit dem Nötigsten vor allem gegen Gas, jede Menge kreative Plakate und Bilder und ganz viele tolle Gespräche. Ich würde allen wünschen, diese Atmosphäre miterleben zu können!

Die Gewalt der Polizei

Trotzdem sind nach wie vor alle ein bisschen in Lauerstellung. Das Geräusch des sich annähernden Hubschraubers, ein bisschen Gasgeruch in der Luft oder einfach eine größere Gruppe, die rennt, lösen besondere Vorsicht und Wachsamkeit aus. Die Polizeigewalt der letzten Tage ist einfach so
unbeschreiblich grausam, dass die Angst vor diesen „Ordnungshütern“ immer irgendwie da ist.

In dem Sinne ist die Türkei wirklich kein Rechtsstaat. Die Polizei kann fast machen, was sie will und viele Videos zeigen, dass sie es tut. Sie prügeln zu Zehnt auf eine Person ein, schießen Menschen gezielt mit Wasserwerfern ab, benutzen Tränengasgewehre als direkte Schusswaffe und zielen damit auf Menschen, schießen Tränengas in Häuser und Autos, wo Menschen Schutz suchen, zerstören selbst z.B. Geldautomaten und beschuldigen nachher die Demonstrant_innen.

Das alles passiert und es wird geduldet, ja sogar befohlen von der Regierung. Diese Regierung macht sich mit ihren Äußerungen völlig lächerlich und beweist, dass sie jeglichen Realitätssinn verloren hat. Wir sind keine Extremist_innen und keine marginale Gruppe. Das ist Volk, das friedlich demonstriert, und die
Polizei, die massiv und auf brutalste Weise angreift.

Friedlich für mehr Bürgerrechte

Natürlich gab es ein paar Randalierer, die z.B. Geldautomaten eingetreten oder Busse und Autos für die Barrikaden benutzen. Aber die riesige Mehrzahl der Menschen sind friedlich und keiner organisierten Gruppe zugehörig. Der Auslöser für die Proteste war die geplante Zerstörung des Parks, um dort ein Einkaufszentrum hin zu bauen und der Angriff der Polizei auf die schlafenden
Demonstrant_innen um 5 Uhr morgens mit Tränengas.

Jetzt haben sich die Proteste aber ausgeweitet. Sie wehren sich gegen die als einschränkende und als autoritär empfundene Regierungsführung und fordern die Möglichkeit mitreden zu können, ihre Rechte wie Versammlungs- und Meinungsfreiheit ausüben zu können und kritisieren die nicht vorhandene
Pressefreiheit.

Am ganzen Wochenende hat hier nur ein kleiner TV-Sender berichtet, alle anderen Sender zeigten das übliche Unterhaltungsprogramm. Die Kritik und das Aufbegehren gegen die Politik Erdogans bringt die verschiedensten Menschen zusammen.

Die Türkei ist aufgewacht

Die Türkei ist aufgewacht und ich bin dankbar und glücklich, diesen Moment hier miterleben zu können. All das, was mich vorher gestört hat und worüber ich mich hier gewundert habe, steht jetzt in der Kritik und wird mit den Aktionen auf dem Platz und im Park ins Gegenteil gekehrt.

Auf dem Platz gibt es keine Unterdrückung von Frauen, LGBTT-Menschen werden mit Applaus empfangen, das Wort „Ökonomie“ spielt dort keine Rolle, denn es wird alles frei geteilt, Menschen gucken einen nicht böse an, wenn man nicht super Türkisch spricht, sondern alle versuchen sich irgendwie verständlich
zu machen und freuen sich über alle, die aktiv teilnehmen, die Polizisten, die sonst hier, wie völlig normal hingenommen, mit Maschinengewehren in ganz normalen Straßen rumstehen, werden endlich als übertrieben gewaltbereit enttarnt und die Natur wird nicht immer weiter zerstört, sondern es werden kleine Bäume gepflanzt.

Dass der Protest sich auf viele weitere Städte ausgebreitet hat (und damit leider auch die massive Polizeigewalt), viele Berufsgruppen streiken, unsere Professor_innen uns sagen, wir sollen in der Klausur über die Ereignisse schreiben und dass jeden Tag um 21Uhr ein riesiges Klopf- und Hupkonzert in vielen Stadtteilen erschallt und auch dass die internationale Solidarität wächst, zeigt, dass viele Menschen aktiv hinter dem Protest stehen und endlich ihre Stimmen gehört haben wollen.

Das ist Demokratie. Und eine Regierung, die damit nicht umgehen kann. Ich bin gespannt, wie es weitergeht und hoffe sehr, dass die Situation nicht eskaliert, sondern die Gewalt bald aufhört.

Zurzeit bin ich noch Studentin, obwohl die Klausuren morgen und übermorgen mir fast egal sind, weil ich mich eh nicht darauf konzentrieren kann, zu lernen. Ab Freitagabend werde ich Vollzeitaktivistin sein und da sein, wo mein Herz auch jetzt, während ich in meiner Wohnung bin, schon die ganze Zeit sein will – da, wo das Volk spricht.

Power to the people – Taksim halkindir !

Auch hier ein Eindruck von der Stimmung auf dem Taksim-Platz: GEZIPARK PHILHARMONIC

Unsere Augenzeugin: Istanbul am 3. Juni

1. Eine Augenzeugin am 3.Juni 2013:

„Today: I couldn’t be so active today. In the morning I had an exam (the teacher was really great – she told us to write about the events of the last days) and then I needed a little rest at home. So I was in Taksim only around 7pm. It was quiet then, nice atmosphere in the park as usual, but then around 9pm there was a lot of gas. From then on the air was filled with gas, sometimes more, sometimes less. There are fights going on on the way between Taksim and Besiktas with massive use of tear gas by the police. Apparently one man was shot in Ankara today. Horrible.

At 9pm every evening people make a lot of noise from their windows and on the streets clapping and using pots and pans. They also switch on and of their light. Starting to do this in other cities outside Turkey as well would be a great sign of solidarity…
We’ll see what will happen tomorrow. But the people here are not giving up. They really want their voices to be heard!“

2. Deutsch-türkische Nachrichten